Die Figur des „Schöpferischen“ ist erst im 20. Jahrhundert durch die Rede vom „Kreativen“ abgelöst worden. Dabei ist der Umfang des Schöpferischen zu einem „Kreativen‘ maßlos bis unermesslich ausgedehnt worden.
In alle Bereiche ist seither die Überzeugung oder Erwartung vorgedrungen, dass es bei allem Tun – von der Freizeit über Arbeit, Kunst, Kultur bis zu Wirtschaft und Management – immer auch um das Vorzeigen eines „Kreativen“ gehe und dass an Kreativität andere Erwartungen zu stellen sind als an Routinen.
Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Technologien des Digitalen in der Regel auf Routinen und Subroutinen, nicht auf Regelbrechungen und Erneuerung beruhen oder hinauslaufen. Im Zeichen der Pandemiepolitik 2020-21 geht es zudem immer auch um das Verhältnis von: Kreativität, Öffentlichkeit, Digitalisierungserwartungen – Kulturwandel im Zeitalter der Telemaschinen/Telekommunikation.
These zur Diskussion 1: Zunächst halte ich die Ressource der Kreativität bei Menschen jedoch für begrenzt. Und dies selbst unter günstigen, ja idealen Bedingungen. Von solchen kann derzeit keine Rede sein. Von verunsicherten, verängstigten, belasteten, beladenen, bedrohten, ja nicht selten gar verzweifelten, durch die Bürden des Alltags niedergedrückten Menschen, also derzeit überaus vielen Menschen Kreativität zu verlangen oder zu erwarten, scheint mir eine Forderung, die man ohne Zynismus nicht wird äußern können. Stress und Angst sind keine guten Ratgeber.
These zur Diskussion 2: Hat die Pandemie einfach Ressourcen im digitalen Bereich freigesetzt oder befördert? Oder sollte man die umgekehrte Vermutung prüfen, dass nur mit dem entwickelten technischen Instrumentarium des Digitalen auf dem heutigen Stand die aktuelle pandemiepolitischen Regulierungen möglich geworden sind. Natürlich gibt es noch immer ein utopisches Potenzial ‚des Digitalen‘, aber vielleicht werden die Herausforderungen erst auf einer darunter liegenden Ebene produktiv, in neuen Formen umsichtiger und solidarischer Kooperation. Einer utopischen Erwartung geht es ohnehin nicht um Technik als solche, sondern um die Organisation der Subsistenz in kooperativer Allgemeinheit.